Manchmal dauert es nur ein paar Minuten an Deck und ich bekomme wackelige Beine von der See, aber heute hat die Aufregung meine sonst so übliche Seekrankheit überschattet. An Bord des dreistöckigen Kanrinmaru, der entlang der Naruto Meerenge in das Seto Binnenmeer fährt, schaue ich voller Vorfreude auf die majestätische Onaruto Brücke, die sich über den Horizont zieht.

Diese Konstruktion verbindet die Insel Awaji in der Präfektur Hyogo mit der Stadt Naruto in Tokushima, einer von vier Präfekturen auf der Insel Shikoku. Darunter, wirbelnd und gurgelnd, als wäre es ein Teil eines riesigen Ozeanwirbels, ist eines der mystischen Schätze der Mutter Natur: die Naruto Strudel.

Bei gemächlichen zehn Knoten, wehen die kühlen Meereswinde Haarsträhnen über meine Wangen. Ich schmecke die salzige Luft auf meiner Zunge, während ich mich an die kalte Reling lehne, die sich außen um das Deck schlängelt. Ich knipse drauf los und versuche, das beste Bild von der schicken Onaruto Brücke zu bekommen.

Neben dem tiefen, leisen Surren des Motors der Kanrinmaru hört man das schrille Kreischen der wilden Möwen. Die Vögel gleiten wenige Zentimeter über dem Wasser und schnellen dann hoch in die Lüfte. Problemlos scheinen sie mit unserem 50 Meter langen und 10 Meter breiten Schiff mithalten zu können.

Ich erkenne bald die Ursache des Aufruhrs und entdecke die mit Brotkrumen gefüllte Hand des 33-jährigen Besatzungsmitglieds Jiro Kurume. “Manchmal werden sie wirklich zutraulich und essen einem das Brot aus der Hand. Aber heute sind sie etwas schüchtern.”, kicherte er und reichte mir eine Tüte mit Vogel-Leckerlies.

Gerade rechtzeitig verschwinden unsere hungrigen, gefiederten Freunde mit der letzten Brotration, als wir auf die erste langersehnte, launisch wogende, Meerstelle treffen. Als die Brücke über uns erscheint, winke ich den kleinen Leuten zu, die von oben auf uns herabblicken und hinter den Glasscheiben der Whirlpool Aussichtsplattform von Uzu no Michi – Onaruto hocken.

Als ich meine Aufmerksamkeit wieder außerhalb des Schiffes richte, sehe ich, dass wir uns stetig den wilden Spiralen des Meeres nähern, für die wir eigentlich gekommen sind. Wirbelnd und strudelnd, als ob ein riesiger Stöpsel vom Meeresboden gezogen wurde, scheint das Wasser in die darunter unbekannten Tiefen zu strömen.

Das Phänomen tritt auf, wenn sich entgegengesetzte Strömungen aus dem Seto Binnenmeer und dem Kii Kanal in der Naruto Meerenge treffen. Die Meerenge ist etwa 1,3 km breit und verbindet den Pazifischen Ozean mit dem Seto Binnenmeer. Diese mächtigen Strudel wirbeln und werden aufgewühlt durch die großen Wassermassen, die von den starken Strömungen zwischen den beiden Meeresabschnitten getragen werden. Dieses Naturwunder wird von Ebbe und Flut und der einzigartigen Struktur des Meeresbodens in der schmalen Meerenge beeinflusst. Abhängig von der Intensität der Gezeiten tauchen sie an manchen Tagen nur kaum auf, während sie an anderen den ganzen Tag sichtbar sind.

“Im Frühling und im Herbst sind sie am spektakulärsten. Sie sind auch am besten zur Zeit des Vollmondes – zu diesem Zeitpunkt können die Strudel einen Durchmesser von wenigstens 20 Metern erreichen.”, erklärte Kurume.

Gruppen mit Kameras ausgestatteter Zuschauer versammeln sich an einer Seite des Decks und wetteifern um die spektakulärste Aufnahme, dabei staunen und kichern sie wie kleine Kinder. Die Menge ist begeistert und ich auch. Während wir das extreme Schauspiel der Mutter Natur beobachten, sind wir unseren Platz als aufmerksame Beobachter bewusst, die nur wenige Meter von einigen der größten und schnellsten Strudel der Welt entfernt sind.

Nach zwei Runden im Gebiet der Strudel auf dem Deck des Kanrinmaru, lässt die frische Luft unsere Extremitäten abkühlen, weshalb wir hinabsteigen, um in der Wärme des Tatamimatten Salons zurück zum Hafen zu fahren. Als wir aussteigen und uns beklagen, dass alles zu früh vorbei ist, versichert Kurume uns, dass unser Strudel Erlebnis noch nicht vorbei ist. Er führt uns vorbei vom Einstiegsbereich des Uzushio Dome Nanairo Gebäude zur Ashiyu Uzunoyu Therme – ein kostenloses, zu 100 Prozent natürliches, heißes Fußbad, in dem das Wasser in der Wanne seinen eigenen kleinen Strudel bildet. Was könnte man sich mehr wünschen? Als perfektes Gegenmittel gegen unsere unterkühlten Finger und Zehen ziehen wir Handschuhe und Socken aus, krempeln unsere Hosen hoch und strudeln hinein.

Text: Celia Polkinghorne
Fotos: Jason Haidar