Bei meinem ersten Besuch in der Bikan Straße in der Stadt Kurashiki, Präfektur Okayama, erwartete ich eine malerische, wenn auch etwas touristische, historisch erhaltene Gegend mit nostalgischem Charme und einigen schönen Fotomöglichkeiten. Wie eine weniger überfüllte Version von Kyotos Gion, wenngleich es eine etwas jüngere Zeit darstellt.

Was ich stattdessen vorfand, hat mich wirklich überrascht.

Wie sich herausstellt, ist der Bikan Distrikt viel mehr als nur eine begehbare Zeitkapsel. Ja, die Gemeindeverwaltung hat während der historischen Renovierung alle Telefonmasten und -leitungen unterirdisch verlegt. Und ja, es wurde in einer lokalen Umfrage zum “malerischsten Handelsviertel in Japan” gewählt – eine Auszeichnung, die seine landschaftliche Schönheit redlich verdient.

Die wahren Vorzüge des Bezirks Bikan liegen jedoch nicht in der Tatsache, dass er eine bestimmte Zeitperiode exakt nachbildet, sondern weil er einen Nachbau einer kulturellen Transformation darstellt, die sich durch drei verschiedene Epochen zieht (Edo, Meiji und Taisho), alles in einem ein Ziel wie ein Postkartenmotiv.

Ich war insbesondere von der Kombination westlicher und lokaler Einflüsse beeindruckt. Selbst die kleinsten Details – ein Schild über einem Schaufenster oder eine Laterne, die über einer Tür hängt – repräsentieren die für den Bezirk Bikan so charakteristische Harmonie zwischen Ost und West.

Als ein Epizentrum für Japans Handelsrouten sollte die interkulturelle Entwicklung von Kurashiki nicht überraschend sein.

Im Japanischen bedeutet “Kurashiki” wörtlich “Lagerdorf” und die Stadt Kurashiki begann, wie Sie vielleicht erraten haben, als Lager- und Verteilzentrum für Waren, die aus den westlichen Provinzen nach Osaka und Edo kamen. Tatsächlich hat sich Kurashiki als so wichtig für nationale wirtschaftliche Interessen bewiesen, dass das Shogunat die Stadt im 17. Jahrhundert unter seine direkte Kontrolle stellte.

Zu dieser Zeit, dienten eine Reihe von Kanälen, welche in die Stadt gegraben wurden, als eine direkte Anbindung zwischen den Lagern und dem benachbarten Hafen. Heute fahren Boote voller Touristen dahin, wo einst Barkassen unter dem Gewicht von Reis und Baumwolle ächzten.

Der beste Weg, die historischen Lagerhäuser von Bikan zu besichtigen, ist vom Kanal aus. So stieg ich nach dem Zahlen von 500 ¥ (ungefähr 4€) zu einer alten Ladeplattform, die in den Steindamm geschnitten war, herab und fand mich an Bord eines Holzboots, das von einem Steuermann mit einer Bambusstange angetrieben wird. Und ich muss zugeben, in Ruhe zu sitzen, während die alten Gebäude langsam an einem vorbeiziehen, hat einen unwiderstehlichen Charme. Da das Wasser deutlich unterhalb der Straße verläuft, heben sich die Gebäude aus Ihrem Betrachtungswinkel hervor und die ikonischen Gitter gemusterten Wände der Lagerhallen werden betont. Es lässt sich erkennen, dass das Design sowohl schön als auch funktional ist – die Putz- und Fliesenkonstruktion, gepaart mit der Verwendung von verbranntem Holz, halfen, die Lagerhallen und ihre wertvollen Bestände vor Wind, Regen und Feuer zu schützen.

Neben der Lagerung von Waren wurde in Kurashiki aber auch vor Ort Baumwolle in Baumwollspinnereien verarbeitet. Japans erste moderne Baumwollspinnerei stand im Bezirk Bikan – ein riesiger Komplex aus Ziegeln, der 1889 von der Firma Korabo erbaut wurde. Heute steht dort eine Nachbildung der Korabo-Anlage, genannt Ivy Square. Hinter den roten Backsteinmauern befinden sich Restaurants, Museen und ein Hotel.

Jedoch ist Architektur nicht das einzige in Kurashiki, was an die Vergangenheit erinnert. Im modernen Stadtteil Bikan gibt es mehr als ein halbes Dutzend Museen und Galerien, darunter das Kurashiki Archäologische Museum, das Kurashiki Volkskundemuseum, das Kojima Museum (Kojima Korajiro gewidmet, welcher um die Jahrhundertwende im westlichen Stil malte) und das Ohara Kunstmuseum
(das erste Museum für westliche Kunst in Japan, mit Werken von El Greco, Matisse, Gaugin, Renoir und Monet).

Dies macht Kurashiki zu einem der wenigen Orte in der Welt, an dem man von einem Museum zum anderen gehen kann, während man durch ein historisch erhaltenes Stadtbild geht. Dies bietet einen faszinierenden und geschichtlich nahtlosen Übergang von einer Galerie zur nächsten. Sogar das Touristeninformationszentrum befindet sich in einem wunderschönen römischen Gebäude im Taisho Stil, heute ein staatlich registriertes Kulturdenkmal, das 1917 erbaut wurde.

Als der Abend hereinbrach, ging ich eine Steintreppe hinauf und entdeckte einen alten Schrein mit Blick auf die Stadt. Ich war fasziniert davon wie sich dieser Anblick im Laufe der Zeit geändert hat, Jahrhunderte überlappen wie die Schichten einer Schablone, um diese Szenerie zu erschaffen.

Nach einem Tag voller Museen und Restaurants ging ich eine schmale Gasse entlang, in der noch Steinplatten, zum Schutz der Straße vor den Rädern der Karren, liegen. Plötzlich leuchteten die Laternen im Taisho Stil langsam auf und als die Schatten wuchsen, kam ich mir wie ein Zeitreisender vor, der die vergangene Welt mit modernen Augen miterleben konnte.

Fotografien und Text von Peter Chordas