Den Itsukushima Schrein muss man nicht vorstellen. Das Bild seiner zinnroten Torii Tore, die sich vom Meer aus entlangstrecken, ist auf der ganzen Welt bekannt. Jährlich strömen Millionen von Menschen auf diese kleine Insel vor der Küste Hiroshimas, um die Architektur zu bewundern und die Atmosphäre dieses Weltkulturerbes in sich aufzunehmen.

Der Schrein – ursprünglich von Saeki no Kuramoto im Jahre 593 n. Chr. errichtet – wurde durch den legendären Samurai-Lord Taira no Kiyomori zu dem heute bekannten Bauwerk ausgeweitet. Itsukushima bedeutet „Insel der Anbetung“, die ganze Insel wird auch als Gottheit angesehen und wie eine solche verehrt. Das ist auch der Grund, weshalb der Schrein auf Sand positioniert wurde, um die heilige Insel selbst unberührt zu lassen.

Heute begrüßt die Insel schiffsweise Besucher an ihren Ufern, um den kürzesten Weg zum namhaften Schrein anzubieten. Selbst mit so vielen Gästen fühlt sich der Schrein friedlich an und dein Gang durch seine Korridore verwandelt sich zur Meditation. Das Knarren der hölzernen Dielen, das Reflektieren der Sonne auf dem Meer unter deinen Füßen, die komplizierte Handwerkskunst – all dies lässt dich in Gedanken versunken sein.

Wie ich mich dem Schrein nähere, machen mich die Farben sofort sprachlos: das brillante Zinnrot der Gebäude, das türkisfarbene Meer, der grüne und braune Hintergrund von Berg Misens bewaldeten Hängen.

Mit Blick vom Schrein auf das Meer, stehen die beeindruckenden O-Torii Tore fest verwurzelt an ihrem Platz, während die Wellen gegen ihre eindrucksvollen Säulen schlagen. Ich war überrascht, als ich erfahren habe, dass diese schweren Säulen nur am Meeresgrund verweilen und sich durch ihr eigenes Gewicht an der gleichen Stelle halten. Wahrlich ein Zeugnis für die traditionelle, japanische Raffinesse.

Vier einzelne Schreine machen den Itsukushima Schrein-Komplex aus. Das Highlight ist der Hauptschrein – einer der größten in Japan und ein Nationalheiligtum. Der Hauptschrein verehrt drei Göttinnen, die über das Meer, Transport, Glück und die Künste herrschen. Seit der Antike hat der Itsukushima Schrein Pilger aus ganz Japan angelockt, aber besonders diejenigen, die mit dem Seehandel zu tun hatten. Seemänner, Kaufmänner und Fischer kamen, um für eine sichere Reise durch das Seto- Binnenmeer und Schutz vor den Elementen zu beten.

Als ich den Hauptschrein passiere, findet ein shintoistisches Reinigungsritual statt. Im Itsukushima finden regelmäßige Zeremonien statt und Anhänger kommen hierher, um den verschiedenen Shinto-Ritualen eines Jahres beizuwohnen. Wenn du etwas Glück hast, kannst du vielleicht sogar während deines Besuchs Zeuge einer shintoistischen Hochzeitszeremonie werden.

Es ist gerade Flut, als ich die beeindruckende Noh Bühne erreiche. Mit den über die hölzernen Säulen überlappenden Wellen und den in den Sand gestoßenen Wänden, scheint der ganze Schrein zu schweben. Täglich gibt es zwei Gezeitenwechsel und ihre Stärken schwanken den ganzen Monat über. Bei einem starken Gezeitenwechsel, oder O-shio, geht das Meer weit genug zurück, damit man direkt zum Torii Tor gehen kann. Das ist der Punkt, an dem du die wahre Größe und das Ausmaß des Tores und seinen beeindruckenden Säulen entdeckst.

Ein kurzer Weg den Berg hinauf, von dem aus man Itsukushima überblicken kannst, bringt dich zum Toyokuni Schrein. Es ist das Vermächtnis einen anderen berühmten Kriegsherrn, Toyotomi Hideyoshi – bekannt als einer der drei Einiger Japans. Wegen seiner immensen Größe wird der Schrein oft auch als Senjokaku bezeichnet, was „Halle der tausend Matten“ bedeutet. Im Jahr 1598, zu Zeiten des Todes von Hideyoshi, war er noch nicht fertiggestellt und blieb danach unvollendet. Das Ergebnis ist ein eindrucksvoller, weitläufiger, aber dennoch höchst ungewöhnlicher Tempel. Das Dach ist komplett freiliegend und erlaubt den Blick auf die massiven Dachsparren sowie Querbalken, die das Gewicht des imposanten Dachs tragen. Ich habe diesen Ort an einem warmen Herbsttag besucht. Eine erfrischende Brise ging durch die offene Halle und die Reflektion eines hellen, gelben Gingko-Baums spielte auf den polierten Holzdielen des Schreins.
Neben Senjokaku dominiert eine helle rote, fünfstöckige Pagode die Skyline, klar sichtbar vom Schiff aus, wenn du Miyajima erreichst. Der leuchtende Lack auf dieser Pagode ist anders als alles, was ich jemals gesehen habe. Achte besonders auf das Bild vom Berggipfel bis hin runter zum Schrein-Komplex – ein Moment zum Genießen und Fotografieren.

So wie ich den Berg hinuntergehe und die Geschäfte erforsche, bewegt sich die Sonne langsam gen Westen. Die Tageszeit präsentiert den Schrein in einem anderen Licht. Man sagt, den besten Blick auf die Torii Tore hat man bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Als ich meinen idealen Platz an der Küste gefunden habe, geht die Sonne langsam am Horizont unter. Das helle Blau und Grün des Meeres hat sich in ein dunkles Samtfarben verwandelt. Weiche Schwaden von Rot- und Orangetönen beginnen sich am Himmel zu verteilen. Die Torii Tore, hervorgehoben durch die Flut, scheinen von der Küste aus und kreieren einen majestätischen Anblick.

Während ich dasitze und die wechselnden Farben des Abends beobachte, werde ich mir der Harmonie zwischen den Toren, dem Schrein und der natürlichen Welt bewusst. Obwohl dieses von Menschenhand gemachte Holzbauwerk ganz alleine inmitten des Meeres steht, ist es dennoch eins mit seiner Umgebung, ohne Rücksicht auf Wetter, Flut oder Zeit.

Ganz gleich, wie viele Bilder du vom Itsukushima-jina Schrein und den Torii Toren siehst – nichts kommt einem persönlichen Besuch nah. Du musst selbst durch die Korridore wandern, die farbenfrohe Architektur bewundern und die Luft in Miyajima atmen, um wirklich den Zauber und die Anziehungskraft wertschätzen zu können.

Fotos & Text von Tom Miyagawa Coulton