„Ich sehe keine Sonnenuntergänge mehr“, sagt Michiko Yamaoka. Die Geschichte ist die ihrer Mutter, aber sie erzählt es, als ob es ihre eigene wäre.

Am 6. August 1945 erlebte ihre damals 20-jährige Mutter Kiyoko den Atombombenabwurf auf Hiroshima und die nachfolgenden Feuer, die die Stadt bis in die Nacht hinein verwüsteten.

„Der Himmel war rot“, fährt sie fort, „Meine Mutter sagte: Wann immer ich einen feurigen Sonnenuntergang sehe, werde ich daran erinnert, wie schrecklich die Bombardierung war.“

Als Mitglied von Hibakushogen no Kai ist Yamaoka eine von mehr als hundert Personen, die mit dem Erlernen und Nacherzählen der Geschichten der Hibakusha oder auch der Überlebenden der Atombombe betraut sind, von denen die jüngsten jetzt in ihren 70ern sind.

Geschichten der Überlebenden, obwohl jede unterschiedlich ist, beginnen in der Regel mit einer eindringlichen Ähnlichkeit – „Ich sah einen hellen Blitz“ oder „Ich wurde bewusstlos“, und immer das obligatorische „Ich war X Kilometer von dem Hypozentrum entfernt“, eine Figur beschreibt die des Sprechers physische Nähe zur Mitte der Hölle auf Erden.

Yamaokas Mutter, Kiyoko, war 2,4 Kilometer vom Zentrum der Explosion entfernt und erwachte, nachdem sie ohnmächtig geworden war, in einem Alptraum.

„Es gab Leute, die mit Blut bedeckt waren, die aus dem Stadtzentrum geflohen waren“, erzählt Yamaoka und beschreibt, was ihre Mutter gesehen hat. „Sie sahen aus wie Geister. Viele waren so deformiert, niemand konnte erkennen, ob sie männlich oder weiblich waren.“

Wenn ich heute den Friedenspark besuche – mit der feierlichen und schönen Weite von Grün und Denkmälern, die auf der Asche von Hiroshimas früherer geschäftiger Innenstadt stehen –, kann ich mir kaum vorstellen, dass es einst eine Szene solch unverständlichen Schreckens war.

Obwohl ich vor einigen Jahren zum ersten Mal den Friedenspark, die Atombombenkuppel und das Friedensmuseum von Hiroshima besucht habe, komme ich immer wieder zurück. Es gibt so viel zu entdecken – und versuchen zu verstehen.

Glücklicherweise ist Yamaoka eine ausgezeichnete Führerin mit einem unglaublichen Informationsrepertoire – nicht nur auf Japanisch, sondern auch auf Englisch. Die Menschen in Hiroshima haben trotz des Atombombenabwurfes keine generelle Feindseligkeit gegenüber Amerikanern.

„Überlebende der Atombombe machen die Amerikaner nicht direkt verantwortlich“, sagt Yamaoka. „Sie verstehen Japans Rolle im Krieg und die Folgen dieser Beteiligung. Was Überlebende wirklich hassen, ist der Krieg selbst.“

Ich werde nie das erste Mal vergessen, als ich vor der Atombombenkuppel stand. Der Himmel zu dieser Zeit, konspirativ launisch, sandte goldene Lichtstrahlen durch die finsteren grauen Wolken, als ob die Natur mich selbst daran erinnern wollte, dass die Hoffnung selbst in der Dunkelheit existiert.

Ich bin sicher nicht die einzige Person, die sich so gefühlt hat, während sie auf die Struktur der Kuppel blickte. Tatsächlich erschien der jetzt weltberühmte Anti-Kriegs-Slogan „No More Hiroshimas“ erst einen Monat nach der Bombardierung auf den versengten Ruinen der Atombombenkuppel (vermutlich von einem amerikanischen Soldaten) gekritzelt.

Die Folgen der nuklearen Verwüstung zu sehen, selbst wenn sie nicht von dramatischem Wetter begleitet werden, hat diese Wirkung auf Menschen.

Erstaunlicherweise erlebten das auch diejenigen, die nach der Bombardierung in Hiroshima lebten. Inmitten der Ruinen wurden die Menschen nicht nur von Trauer überwältigt, sondern auch von einer fast fieberhaften Hoffnung auf den Wiederaufbau. Und für viele drückte sich diese Hoffnung als ein leidenschaftlicher Wunsch nach einer Welt ohne Krieg aus – eine Welt, in der das, was Hiroshima widerfuhr, nie wieder passieren würde.

Die weitläufigen Straßen, das logische Raster, die schönen Uferwege und die zahlreichen Parks, die heute die Stadt prägen, verdanken ihre Entstehungen jenen leidenschaftlichem Träumern, die anstelle ihrer Heimat, die in den Flammen des Krieges verschwand, eine Stadt des Friedens entwarfen, auferstanden aus der Asche.

Der Friedenspark (im Japanischen auch Heiwa Koen genannt) war Teil dieses ursprünglichen Plans, zusammen mit der 100 Meter breiten Straße, die heute als Friedensstraße (Heiwa Odori) bekannt ist und entlang der südlichen Grenze des Parks verläuft. Im Jahr 1945 wurde der von der Straße eingenommene Platz als Feuerschneise zum Schutz gegen die, von konventionellen Bombardierungen ausgehenden, Brände genutzt und hunderte mobilisierte Mittelschüler wurden dort versammelt, um bei Aufräumarbeiten zu helfen, als die Atombombe explodierte.

Unter ihnen befand sich Yamaokas Tante Atsuko, damals 13 Jahre alt. Yamaokas Mutter eilte in die Ruinen der Stadt, um nach ihrer kleinen Schwester zu suchen. Überall wo sie hinsah, sah sie Menschen hilflos auf dem Boden liegen.

„Viele schienen tot zu sein“, erzählt Yamaoka, „aber einige atmeten noch schwach.“

Die Feuer waren so heiß geworden, dass die Opfer von Durst überwältigt wurden. Als ihre Mutter vorbeikam, schrie immer jemand nach Wasser. Zu dieser Zeit glaubten die Menschen jedoch, dass es so schwer verletzte Personen umbringen würde, wenn sie ihnen Wasser geben würden, weshalb sie ohne Hilfe zu leisten, an ihnen vorbei gingen.

„Immer wenn dieses Thema aufkam, konnte meine Mutter nicht aufhören zu weinen“, erklärt Yamaoka. „Sie sagte: Ich werde nie den Blick in ihren Augen vergessen, als sie nach Wasser flehten.“

Nachdem wir die Atombombenkuppel umrundet haben, überquerten wir den Fluss zum Friedenspark, vorbei an einem Denkmal, das den mobilisierten Studenten gewidmet ist und einem anderen, das den Kindern gewidmet ist, die Jahre später unter den Auswirkungen der Strahlung litten.

Überall wo ich hinschaue, sehe ich Wasser – nicht nur der Fluss, sondern auch Springbrunnen und Teiche, die im Park angelegt sind, sowie Wasserflaschen, die zwischen den Monumenten als Opfergaben für die Toten platziert sind.

Ich mache ein paar Fotos und wir gehen weiter in den Park hinein. Wir halten an, um dem Memorial Mound – eine Krypta mit der Asche von etwa 70.000 unbekannten Opfern der Bombardierung – unseren Respekt zu erweisen.

Aufgrund der Intensität der atomaren Wärmestrahlen wurden viele Opfer bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Die Nachkommen derjenigen, die vergeblich nach den vermissten Familienmitgliedern in den Ruinen suchten, kommen hierher, um für die Seelen ihrer Vorfahren zu beten.
„Auf der Suche nach ihrer Schwester“, fährt Yamaoka fort, „durchstreifte meine Mutter die Stadt und blickte in jedes Gesicht. Sie sagte: ‚Ich dachte, jeder könnte meine Schwester sein. Ich eilte zu ihnen, aber es war immer jemand anderes.‘“

Endlich hörte Kiyoko, dass ihre Schwester nach Ninoshima evakuiert worden war, einer Insel in der Bucht von Hiroshima, die zu dieser Zeit ein großes Militärkrankenhaus beherbergte.

„Das Krankenhaus war voll vom Stöhnen der Opfer.“, sagt Yamaoka.

„Meine Mutter rief den Namen ihrer Schwester – ‚Atsuko! Atsuko!‘“

„Sie hörte eine schwache Stimme – ‚Ich bin hier… Ich bin hier…‘“

„Meine Mutter eilte zu ihr, aber Atsukos Gesicht war verbrannt und geschwollen. Sie konnte ihre Schwester nur an ihrer Stimme erkennen. Meine Mutter nahm Atsuko mit nach Hause, aber sie starb zwei Tage später am 10. August 1945.“

Im Friedenspark kommen wir endlich zum Ehrenmal, einem einfachen Betonbogen, der einen steinernen Sarg bedeckt, der ein Register aller bekannten Todesopfer enthält. Am 6. August 2017 enthielt das Register die Namen von 308.725 Opfern.

Vom einzigartigen Aussichtspunkt des Ehrenmals aus kann ich durch den Bogen die eindringlichen Ruinen der Atombombenkuppel sehen und dazwischen tanzt die Flame des Friedens – ein Feuer, das brennen wird, bis die letzte Atomwaffe der Welt abgebaut ist.

Nach der Tour gehe ich zum Friedensmuseum, das eine Fülle von Informationen über und zahlreiche Artefakte aus der Zeit der Bombardierung enthält, sowie ein Café, eine Buchhandlung und einen Souvenirladen. Und die Chancen stehen gut, dass ich während meines Aufenthalts ein weiteres Buch ergattere – das tue ich immer.

Aber egal wie viele Bücher ich zu diesem Thema lese oder wie oft ich den Park, die Kuppel und das Museum besuche, ich kann mir immer noch nicht vorstellen, was die Menschen in Hiroshima am 6. August 1945 wirklich durchgemacht haben.

Ich erwähne dies in Yamaokas Beisein und sie lächelt beruhigend.

„Meine Mutter sagte mir das“, sagt sie, „du kannst die schreckliche Situation nicht verstehen, selbst wenn ich es dir 100 Mal sagen würde. Nur die Überlebenden, die es gesehen haben, können es verstehen.“

Später an diesem Tag sitze ich im Hiroshima Friedenspark und betrachte den wunderschönen orangefarbenen Schein des Sonnenuntergangs, wie er über den stillen Ruinen der Atombombenkuppel spielt. Es gibt eine Sache, die ich nun zumindest weiß – es gibt einige Dinge, die niemand verstehen kann.

Niemals wieder.

Fotografien & Text von Peter Chordas