In einer Art Pilgerreise, von Anfang November bis Mitte März, steigen Horden von hungrigen Besuchern an der Küste Japans für die Krabbensaison hinab. Kinosaki Onsen in der nördlichen Präfektur Hyogo wurde zur besten Thermenstadt Japans gekürt, einmal für seine leuchtenden Herbstfarben, aber auch für das berühmte Krabbenfestessen Kaiseki. Ich bin auf meinem Weg zum Nishimuraya Ryokan, welches 15 Minuten zu Fuß vom Bahnhof entfernt liegt. Die Straße verläuft entlang eines von Weiden gesäumten Flusses. Selbst im Regen halten Pärchen an, um Selfies auf den Steinbrücken zu machen, bevor sie sich in die kleinen Matcha Teeläden flüchten oder unter den prächtigen Fassaden anderer Ryokans unterstellen. Nishimuraya hat ein großes, hölzernes Tor, das an buddhistische Tempel erinnert. Dahinter liegen kaminrote Ahornblätter dekorativ auf den Steinplatten. Es gibt einen größeren Andrang an Gästen, als ich erwartet hatte. “Wie weit im Voraus müssen Sie ein Wochenendzimmer, während der Krabbensaison, buchen?”, frage ich die im Kimono gekleidete Angestellte, die mich in einen dämmrigen, labyrinthartigen Flur führt. Sie antwortet: “Für ein Wochenende? Mindestens ein Jahr. Viele unserer Gäste tätigen ihre Buchung für das nächste Jahr an dem Tag, an dem sie auschecken. ” “Haben Sie viele Stammgäste?”, frage ich. “Ja, ziemlich viele. Sie probieren gerne die verschiedenen Räume aus. Einige wurden von einem berühmten Architekten, Masaya Hirata, entworfen und versprühen das Gefühl eines japanischen Teehauses. Tatsächlich nehmen sich viele Leute die nach Kiosaki Onsen kommen die Zeit, alle verschiedenen Ryokans in der Region zu besuchen. Wir haben ein Sprichwort das besagt, dass diese Stadt wie ein riesiges Hotel ist. Der Bahnhof ist der Genkan (der Eingang) die Straßen sind die Korridore und jedes Hotel ist wie ein separater, spezieller Raum. Die Onsen sind natürlich die Badezimmer. In der Tat gab es früher keine eigenen Bäder in den Hotels. Da es aber viel regnet und schneit, sind die Innenbädern bequemer.”, so die Angestellte des Ryokans. Sie bringt mich in mein Zimmer und lässt mich alleine, damit ich alles verarbeiten kann. Es ist ruhig und still, mit einem Weihrauchbrenner, der ein beruhigendes Aroma mit ätherischen Ölen verströmt – perfekt für einen Moment der Besinnung. Nishimuraya Ryokan ist der Inbegriff von Luxus. Ich habe nicht genügend Ansehen oder Reichtum, um in den prachtvollsten Suiten zu wohnen, – manche mit rotenburo oder mit traditionellen Freibädern – in der sich sonst japanische Premierminister und New Yorker Journalisten zurücklehnen. Obwohl diese Hallenbäder nicht natürliches heißes Quellwasser benutzen – so muss es doch großartig sein, auf einer hölzernen Veranda zu sitzen, mit dem Hals tief im heißem Wasser, die natürliche Schönheit genießend, die das Ryokan umgibt. Von meinem Zimmer aus kann ich auf den Garten blicken, wo das nasse grüne Moos und die Blätter leuchten. Mit einer eleganten und perfekt proportionierten Landschaft ist Kinosaki, unabhängig vom Wetter, gleichermaßen schön. Dank des Regens bin ich nicht in der Lage, den traditionellen Kinosaki Stil des Onsen Wechselns zu genießen. Jede der sieben heißen Quellen besuchen, einen Yukata tragen und auf hölzernen Geta, traditionelle japanische Sandalen, balancieren. Der Angestellte am Empfang scheint meiner wegen enttäuschter zu sein, als ich es selbst bin: “Aber das ist es, was Kinosaki so einzigartig macht. Am Abend, in deinem Yukata herumlaufen, eingehakt mit deiner besonderen Person. Ein Onsen ausprobieren, dann einen Kaffee trinken gehen, bevor man in den Nächsten eintaucht. ” “Man kann den Yukata in einem Ladengeschäft tragen?”, frage ich. “Oh ja, das ist hier normal. Niemand würde einen komisch anblicken.”, antwortete er. Ich beginne mich in den bequemen Sachen vorzustellen und ein Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht. Er gibt mir eine Karte mit den Onsen und einen Yumepa – einen Barcode, den ich bei jeder Nutzung scannen kann – und der Empfehlung, zuerst die heiße Quelle Goshono-yu zu versuchen. Mit einem imposanten Eingang wirkt Goshono-yu mehr wie ein Tempel als ein Onsen. Im Inneren ist die Decke hoch, die Wände sind aus hellem Holz und breite Fenster lassen das Licht herein und verleihen das Gefühl eines englischen Gewächshauses. Ein Wasserfall rauscht einen Hügel im Freibad hinunter. Mich verlässt der Drang auch die anderen sechs Onsen zu besuchen und ich setze mich in das dampfende Wasser. Im Laufe des Nachmittags füllt sich das Bad, bis sich eine Schlange von Menschen am Eingang bildet, welche geduldig unter ihren rosa oder grünen Hotelschirmen warten, bis sie an der Reihe sind. „Ich bin froh, dass ich mich früher einschleichen konnte.“, denke ich mir, während ich zu meinem Ryokan zurückkehre. Ich fühle mich warm und entspannt, bereit für den wichtigsten Teil des Tages – Zeit für das Abendessen. Eins nach dem anderen erscheinen die Gerichte des Krabbenfestessens. Dampfende Brühe mit ein wenig Fisch, eine Keramikschale gefüllt mit Gemüse mit einem leichten Essiggeschmack, ein elegant gedeckter Teller mit Sashimi und dann die Hälfte einer rohen Krabbe, zusammen mit einer Schüssel voll Essig zum Eintauchen und ein Glas mit Birnenwein, perfekt ausgewählt um die leichten Aromen des Mahls hervorzubringen. Auf einen Teller mit köstlichen Tajima Rindfleisch folgte ein Krabbeneintopf, gewürzt mit der köstlichen Geheimsauce des Küchenchefs – und dann ebenso schnell verschwand. Reis, gekocht auf Holzkohle – und eine dickflüssige, rote Miso Suppe – rundeten die Hauptmahlzeit ab, bis meine leeren Teller mit dem Nachtisch, bestehend aus frischem saisonalen Obst und Walnusspudding, ersetzt werden. Der Kellner erklärte: “Während die Krabbe Nordjapans sehr berühmt ist, so liegt bei unserer Krabbe die Frische im Vordergrund. Kleine Fischerboote fahren jeden Tag von unserem Hafen ab und kehren nachts zurück, anstatt das die Krabben zwei drei Tage bis zum Tisch brauchen.” Nach dem in dunklen Tönen gehaltenen Holzluxus des Nishimuraya Ryokan und der Extravaganz des Krabben Kaiseki frage ich mich, ob es schwierig sein wird, zu meiner üblichen Wochenendroutine zurückzukehren. Der Kellner kommentiert: “Beim Auschecken sagen viele unserer Gäste: ‘Für diese Nacht arbeite ich das ganze Jahr daraufhin.‘ oder ‚Diese Mahlzeit bleibt mir bis zum nächsten Winter.‘“ Als ich mich an jenem Abend in den traditionellen japanischen Futon in meinem Zimmer lege, frage ich mich, ob auch ich die Reise nach Kinosaki zu meiner alljährlichen Pilgerreise machen werde. Fotos von Felicity Tillack & Nishimura Ryokan, Text von Felicity Tillack

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