“Tooi inaka!”, ruft der Mann neben mir im Bus aus Osaka, als ich ihm mein Ziel sage. Selbst für meinen japanischen Mitfahrer, der nach Shikoku, der kleinsten der vier Hauptinseln Japans, reist, gilt das Iya-Tal als „tooi inaka“ – tiefe Landschaft.

So schön und abgelegen, bietet das Iya-Tal einen starken Kontrast zu den Neonlichtern und dem futuristischen Flair Tokios oder sogar dem traditionellen Glanz der Tempel und Schreine von Kyoto. Wenn Sie nach dem wahren versteckten Japan suchen, finden Sie es tief im westlichen Teil der Präfektur Tokushima.

Der Charme dieses versteckten Tales ist seine unberührte Wildnis, zahlreiche natürliche Onsen und hochragende Berge, die hunderte Meter tief eine steile Schlucht zum unberührten türkisblauen Yoshino- Fluss ragen. Das Iya-Tal ist in zwei Teile geteilt: West-Iya (Nishi-Iya), das leichter zugänglich ist – und noch etwas weiter entwickelt, als sein Gegenstück Ost- Iya (Higashi-Iya), auch bekannt als tiefes Iya (Oku-Iya).

Die Tatsache, dass dieses Gebiet eine der unerforschtesten Regionen Japans ist, hat mich dazu verleitet, die bekannten Wege zu verlassen und es zu erkunden. Die ersten Punkte auf meiner Shikoku- Liste sind die Hängebrücken im Iya-Tal. Von den 13 ursprünglichen Brücken, die einst das Tal durchkreuzten, sind drei Brücken für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht und werden instandgehalten- Iya Kazurabashi, die größte und bekannteste Brücke, und die Oku Iya Niju-Kazurabashi Brücken, eine Gruppe von zwei Hängebrücken, die oft als die “Ehemann-und-Ehefrau-Brücken” bezeichnet werden.

Ich komme früh am Morgen an der am einfachsten erreichbaren Brücke an – Iya Kazurabashi in West Iya. Aufgrund ihrer Nähe zur Stadt ist es am besten, wenn Sie früh genug losfahren, um die Brücke ohne Menschenmengen zu genießen.

Mit einer Länge von 45 Metern über den Fluss Iya in der Mitte des Tals, fügen sich die 150 Meter aus Reben und Holz nahtlos in die Landschaft ein. Dies ist zum Teil dem charakteristischen Aussehen der Brücke durch die Actinidia arguta zu verdanken, eine in Japan und anderen Teilen Asiens beheimatete Staude. Diese schlängelt sich um den hölzernen, leiterartigen Boden und die Stahldrahtstützen (ein moderner Zusatz für mehr Sicherheit).

Die moderne Verankerung wird alle drei Jahre neu gemacht, um den vielen Beinen Rechnung zu tragen, die jedes Jahr über sie hinwegziehen. Die ursprünglichen Erbauer sollen niemand anders als der Taira (oder Heike) Samurai-Clan gewesen sein, der um die Vorherrschaft des kaiserlichen Hofes in Kyoto – und im weiteren Sinne ganz Japans – gegen ihre Hauptkonkurrenten, den Minamoto (Genji) Clan im 12. Jahrhundert kämpfte. Dieser Konflikt wurde als Genpei-Krieg bekannt, der im japanischen literarischen Klassiker “Das Märchen von Heike” verewigt wurde. Nach der Niederlage des Taira- Clans durch die Minamoto sollen sie hierher in die Abgeschiedenheit des Iya- Tals geflohen sein, ohne ihre Macht jemals wieder zu erlangen. Ihre Nachkommen sollen bis heute im Iya- Tal leben.

Als ich meinen inneren Samurai-Krieger beschwöre, beginne ich, die Brücke zu überqueren, die unter ihrem ersten Besucher des Tages knarrt und stöhnt. Ich komme nicht umher, die großen, etwa acht Zentimeter breiten, Lücken zwischen den Planken zu bemerken, die einen freien Blick auf den Iya- Fluss bieten, 45 Meter unter mir. “Schau nicht runter”, murmele ich leise – zu spät. Die Brücke beginnt zu schwingen und zu zittern, als die zweiten Besucher des Tages ihre Überquerung hinter mir beginnen. Nachdem ich mich auf den Weg zum anderen Ende gemacht habe, muss ich darüber nachdenken, was für eine ausgezeichnete Form der Verteidigung diese Brücken vor 800 Jahren dargestellt haben müssen. Der Sage nach haben die Taira sie aus Weinstöcken gemacht, damit sie sie leicht zerhacken können, um Angreifer abzuwehren oder der Minamoto- Verfolgung zu entkommen, wenn es sein muss.

Mein nächstes Brückenziel liegt viel tiefer im Tal. Die Brücken von Oku Iya Niju-Kazurabashi oder “Ehepaar-Brücken”, sind etwa eine Stunde Fahrt von Iya Kazurabashi entfernt – eine landschaftlich reizvolle, aber haarsträubende Fahrt auf schmalen Straßen, die sich durch das Tal schlängeln und wenden. Die männliche Brücke (Obashi) ist mit 44 Metern die längere der beiden und ist höher als die 22 Meter lange weibliche Brücke (Mebashi).

Die Ehemann- und Ehefrau- Brücken sind jedoch nicht allein. Da ist ein Affe in ihrer Mitte – Yaen, oder die “wilde Affenbrücke”, nur wenige Meter von der Ehefrau Brücke entfernt. Yaen ist eigentlich keine Brücke, sondern eine von Hand zu bedienende Seilbahn, die früher ein wichtiges Mittel war, um Güter und Menschen über die Flüsse des Iya-Tals zu transportieren. Dies ist einer der wenigen Orte in Japan, wo Sie noch immer den Fluss über eine mit Menschen betriebene Seilbahn überqueren können.

Bereit, es zu versuchen, beruhige ich mich, als der hölzerne Rahmen der Kutsche von einer Seite zur anderen schwingt, während ich versuche an Bord zu klettern, als ich mich schließlich mit überschlagenen Beinen in dem kleinen Holzkäfighaus niederlasse. Von hier aus ziehe ich mich langsam ins Freie und über das Wasser hinaus. Ich habe eine spektakuläre Aussicht auf die Ehemann- und Ehefrau- Brücken, während ich über der Flussmitte hänge – ein wunderschöner Ausblick, den man nur von hier aus hat, wenn man nicht nass werden möchte. Ich bin insgeheim froh, dass ich nicht vor 800 Jahren lebte und dieses Bizeps- Training womöglich auf meinem täglichen Weg läge!

Während die Brücken ein charakteristisches Merkmal des Iya-Tals sind, sind sie nicht alles, was es zu bieten hat. Als ich aus der schwankenden Seilbahn krieche, bin ich neugierig, auf mein nächstes Abenteuer an diesem faszinierenden Ort und ich bin glücklich, eine Seite von Japan zu sehen, welche nur wenige erlebten.

Fotografien und Text von Jason Haidar